Aerobe vs. anaerobe Schwelle — der Unterschied einfach erklärt
Wer sich mit Ausdauertraining beschäftigt, stößt schnell auf zwei Begriffe, die oft verwechselt werden: aerobe Schwelle und anaerobe Schwelle. Beide markieren wichtige Punkte in deinem Stoffwechsel — aber sie liegen bei unterschiedlichen Intensitäten und haben völlig verschiedene Trainingsimplikationen. Wer beide nicht klar unterscheidet, läuft Gefahr, im falschen Bereich zu trainieren und Potenzial liegenzulassen.
In diesem Artikel erfährst du, wo der Unterschied zwischen aerober und anaerober Schwelle liegt, wie du beide identifizierst und wie sie deine Trainingsplanung beeinflussen sollten.
Die zwei Schwellen — eine Übersicht
Im Belastungsspektrum eines Ausdauersportlers gibt es zwei kritische Übergänge:
1. Aerobe Schwelle (LT1 / VT1 / Lactate Threshold 1) — der untere Wendepunkt. Hier beginnt der Laktatspiegel im Blut erstmals über den Ruhewert anzusteigen — auf etwa 1,5–2 mmol/l. Du verlässt den rein aeroben "Ruhe-Stoffwechsel" und beginnst, vermehrt Kohlenhydrate zu verbrennen.
2. Anaerobe Schwelle (LT2 / VT2 / Lactate Threshold 2 / MLSS) — der obere Wendepunkt. Hier kann dein Körper das produzierte Laktat gerade noch in Balance abbauen. Typischer Laktatwert: 3–5 mmol/l (variiert individuell). Über diesem Punkt steigt Laktat exponentiell — du übersäuerst.
Zwischen diesen beiden Schwellen liegt der "transitorische Bereich" — Sweet Spot, Tempo, Schwellenarbeit alles inklusive.
Was passiert physiologisch?
Der Begriff "aerob" bedeutet "mit Sauerstoff", "anaerob" bedeutet "ohne Sauerstoff". Streng genommen ist diese Trennung aber irreführend — denn unter Belastung läuft der Stoffwechsel nie zu 100 % aerob oder anaerob. Beide Prozesse sind immer aktiv. Die Frage ist nur, welcher Anteil dominiert und ob das produzierte Laktat noch verarbeitet werden kann.
Unter der aeroben Schwelle (LT1)
- Energie kommt überwiegend aus Fettverbrennung
- Glykolyse läuft langsam, Laktat wird sofort abgebaut
- Sauerstoffversorgung der Muskeln voll gegeben
- Theoretisch stundenlang haltbar (begrenzt eher durch Glykogenspeicher und mentale Müdigkeit)
Zwischen aerober und anaerober Schwelle
- Mischbetrieb: Fett + Kohlenhydrate
- Glykolyse beschleunigt sich
- Mehr Laktat-Produktion, aber noch im Gleichgewicht mit Abbau
- Haltbar zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden — je nach Intensität
An der anaeroben Schwelle (LT2)
- Energie kommt fast vollständig aus Kohlenhydraten
- Glykolyse läuft mit hohem Tempo
- Laktatproduktion am Limit des Abbaus — maximales Steady-State
- Haltbar etwa 30–60 Minuten je nach Trainingszustand
Über der anaeroben Schwelle
- Laktatproduktion übersteigt den Abbau
- Übersäuerung der Muskulatur
- Rapide Ermüdung
- Maximal 3–20 Minuten haltbar, je nach Intensität
Konkrete Werte und Bereiche
Wie viel Watt oder Puls entsprechen diesen Schwellen? Hier eine Orientierung — die individuellen Werte variieren aber stark.
Aerobe Schwelle (LT1)
- Wattzahl: etwa 55–70 % deiner FTP
- Herzfrequenz: etwa 70–80 % HFmax
- Laktat: 1,5–2 mmol/l
- Wahrnehmung: entspannt, du kannst dich gut unterhalten (RPE 3–4 von 10)
Anaerobe Schwelle (LT2)
- Wattzahl: etwa 95–105 % deiner FTP
- Herzfrequenz: etwa 88–93 % HFmax
- Laktat: 3–5 mmol/l
- Wahrnehmung: hart, nur noch Kurzantworten möglich (RPE 7–8 von 10)
Beide Schwellen sind sehr individuell — die FTP-Prozentsätze sind nur Anhaltspunkte.
Wie unterscheidest du die beiden Schwellen?
Die einfachsten Wege, beide Schwellen zu erkennen:
Im Labor
Spiroergometrie + Laktatdiagnostik — der Goldstandard. Du fährst eine Stufenbelastung, dabei werden Atemgase und Laktat gemessen. Daraus lassen sich beide Schwellen präzise bestimmen.
Im Feld
Sprich-Test (Talk Test). Ein simpler, aber überraschend zuverlässiger Test:
- An LT1: Du kannst ganze Sätze in einem Atemzug aussprechen
- An LT2: Du schaffst nur noch ein paar Worte zwischen den Atemzügen
Atmungstest: Die ventilatorischen Schwellen entsprechen weitgehend den Laktatschwellen.
- An LT1 (VT1): Atmung wird tiefer, aber bleibt rhythmisch
- An LT2 (VT2): Atmung wird unregelmäßig schnell, du beginnst zu hecheln
Über die FTP: Wenn du deine FTP kennst:
- LT1 ≈ 55–70 % FTP
- LT2 ≈ 95–105 % FTP
Warum ist diese Unterscheidung wichtig?
Beide Schwellen markieren völlig unterschiedliche physiologische Realitäten — und damit auch unterschiedliche Trainingsempfehlungen.
Training unterhalb LT1 — Grundlage
Dies ist die Basis jedes Ausdauertrainings. Hier baust du auf:
- Fettstoffwechsel-Kapazität
- Mitochondriendichte
- Kapillarisierung
- Aerobe Enzyme
Empfohlene Trainingsdauer: oft 2–6 Stunden pro Einheit. Wer hier zu wenig macht, hat keinen aeroben Unterbau für höhere Belastungen.
Training im Bereich zwischen LT1 und LT2
Dieser Übergangsbereich ist umstritten. Sportwissenschaftler wie Stephen Seiler argumentieren, dass dieser "graue Zone" zu hart für Erholung und zu leicht für maximalen Reiz ist. Im polarisierten Modell wird er größtenteils gemieden.
Andere Trainer (besonders im Hobbybereich) nutzen den Bereich (Sweet Spot, Schwellenintervalle) gezielt und sehr effektiv — Pyramidentraining.
Training an oder über LT2
Hier setzt du maximale Reize für:
- FTP-Steigerung
- Pufferkapazität
- Laktattoleranz
- Spezifische Wettkampfvorbereitung
Empfohlene Dauer: kürzere Intervalle (3–20 Minuten), wenige Einheiten pro Woche.
Polarisiertes vs. pyramidales Training
Die Frage, wie viel Zeit du in welcher Zone verbringen solltest, ist eines der spannendsten Trainingsthemen — und unmittelbar an die Schwellen-Definition geknüpft.
Polarisiertes Modell (Stephen Seiler)
Verteilung: 80 % unter LT1, 20 % über LT2, fast nichts dazwischen.
Idee: Niedrige Intensität für Volumen, hohe Intensität für Reize. Der mittlere Bereich wird vermieden, weil er weder optimale Adaption noch optimale Erholung erlaubt.
Beleg: Studien an Profisportlern in vielen Ausdauersportarten zeigen, dass Top-Athleten typischerweise diesem Muster folgen.
Pyramidenmodell
Verteilung: Etwa 70 % unter LT1, 20 % zwischen LT1 und LT2 (Tempo/Sweet Spot/Schwelle), 10 % über LT2.
Idee: Auch der mittlere Bereich (Sweet Spot, Schwelle) hat klare Trainingseffekte und ist zeiteffizient.
Vorteil: Besonders für Hobbyfahrer mit begrenzter Trainingszeit (5–10 h/Woche) sinnvoll — sie können nicht ohne Weiteres 20–30 Stunden Grundlage fahren.
Was für Hobbyfahrer?
Beide Ansätze haben Berechtigung. Faustregel:
- Bei viel Trainingszeit (12+ h/Woche): Tendenz zu polarisiert
- Bei wenig Trainingszeit (5–10 h/Woche): Tendenz zu pyramidal/Sweet Spot
In jedem Fall: Der größte Teil sollte unter LT1 liegen — sonst kommst du in chronische Übermüdung.
Beide Schwellen trainieren — die Strategien
Das Schöne: Beide Schwellen sind trainierbar.
LT1 nach oben verschieben
Dauerläufer-Mentalität: Viel Zeit im niedrig-intensiven Bereich.
Geeignete Einheiten:
- Lange Grundlagenfahrten (3–6 h) unter LT1
- Nüchterneinheiten (90 Minuten, locker)
- Niedrig-intensive Zwift-Sessions
Effekt: Du kannst höhere Wattzahlen aerob abrufen — mehr Fettverbrennung, später Glykogenverbrauch.
LT2 nach oben verschieben
Schwellenarbeit-Mentalität: Intervalle nahe oder an der Schwelle.
Geeignete Einheiten:
- Sweet-Spot-Intervalle (2×20 min @ 90 % FTP)
- Schwellenintervalle (4×10 min @ 100 % FTP)
- Over-/Unders (Wechsel über/unter LT2)
Effekt: Höhere FTP, bessere Laktattoleranz, höhere Dauerleistung.
Was bei Übergängen passiert
Eine spannende Beobachtung aus der Trainingspraxis: Wer LT1 nach oben verschiebt, verschiebt oft auch LT2 mit. Eine breitere aerobe Basis erlaubt höhere absolute Schwellenleistungen.
Umgekehrt gilt das weniger — wer nur an LT2 trainiert, ohne aerobe Basis, sieht oft schnelle Plateaus.
Deshalb: Beide Schwellen trainieren — aber LT1 ist die Grundlage.
Häufige Fehler im Training
Zu schnell unterwegs sein in der Grundlage. Viele Hobbyfahrer fahren im "Müll-Tempo" (junk miles) — zu schnell für Grundlage, zu langsam für echten Reiz. Halte dich in der Grundlage konsequent unter LT1 — selbst wenn es sich zu leicht anfühlt.
Schwellenintervalle vermehrt machen. Drei harte Schwellensessions pro Woche überlasten die meisten Hobbyfahrer. Ein bis zwei reichen.
Schwellen falsch einschätzen. Wer LT1 falsch annimmt (z. B. zu hoch), fährt eigentlich Tempo statt Grundlage. Im Zweifel: lieber langsamer.
Beide Schwellen verwechseln. Wer sein "LT-Training" macht, ohne zu wissen, ob er LT1 oder LT2 meint, läuft Gefahr, im falschen Bereich zu sein.
Wie wichtig sind exakte Schwellen?
Ein häufiger Einwand: "Ich kenne meine Schwellen ja gar nicht genau — wozu der Aufwand?" Eine berechtigte Frage. Tatsächlich brauchst du keine Laboranalyse, um sinnvoll zu trainieren. Folgendes reicht:
- Eine FTP-Schätzung (Indoor-Ramp-Test, 20-Min-Test, App-Schätzung)
- Eine grobe Vorstellung der Zonen in Prozent der FTP
- Eine subjektive Wahrnehmungsskala (Talk Test, RPE)
Plattformen wie WattRun schätzen deine Schwellen automatisch aus Trainingsdaten und schlagen passende Workout-Zonen vor — ohne Laborgang.
Fazit: Beide Schwellen verstehen, beide trainieren
Aerobe und anaerobe Schwelle sind keine theoretischen Spielereien, sondern die zentralen Orientierungspunkte für effektives Ausdauertraining. Sie definieren:
- Wo du Grundlage trainierst
- Wo du Sweet Spot oder Tempo trainierst
- Wo du an Schwellenleistung arbeitest
- Wo du VO2max und anaerobe Kapazität schulst
Die wichtigsten Take-aways:
- LT1 ist die aerobe Schwelle (etwa 55–70 % FTP)
- LT2 ist die anaerobe Schwelle (etwa 95–105 % FTP, ≈ FTP)
- Trainiere überwiegend unter LT1 (mindestens 60–70 % der Zeit)
- Setze gezielte Reize an oder über LT2 (1–2× pro Woche)
- Der Bereich dazwischen ist effektiv (Sweet Spot), aber nicht der Hauptort des Trainings
Mit Plattformen wie WattRun kannst du deine Schwellen automatisch tracken, Trainingsbereiche passend kalibrieren und sehen, wie sich beide Schwellen über die Saison entwickeln.
Wer die Schwellen kennt, trainiert nicht mehr im Blindflug.
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